Tinnitus Selbsttest, Erklärung und Behandlung
Das Hörsystem
Trommelfell
Schall (bewegte Luft) trifft auf das Trommelfell. Das Trommelfell hat als Membran eine Spannung und gibt die ankommenden Frequenzen an den Hammer weiter, der direkt am Trommelfell liegt. Ein Trommelfell kann bei verändertem Druck von außen oder innen einreißen und Narben bilden.
Hammer, Amboss, Steigbügel (Mittelohr)
Hammer, Amboss und Steigbügel sind drei sehr kleine Knochen, die die Frequenzen durch das Mittelohr transportieren — von der ersten Membran (Trommelfell) zur nächsten Membran (ovales Fenster). Bei Mittelohrentzündungen kann dieses System leiden. Hinter der zweiten Membran liegt die Hörschnecke.
Hörschnecke (Cochlea)
Die Hörschnecke hat viele kleine Härchen, die den Frequenzen zugeordnet sind — ca. 20 Hz im äußeren und bis 20.000 Hz im inneren Teil. Jedes Härchen hat eine Verbindung zu einer Synapse (einer Nervenzelle) des Hörnervs (Nervus vestibulocochlearis).
Nervus vestibulocochlearis
Der N. vestibulocochlearis transportiert die Schallinformationen aus dem Ohr in den Hirnnervenkern im Stammhirn. Der Kern wird eingeteilt in den ventralen und dorsalen Kern.
Cochlea-Kerne (ventral und dorsal)
Hier werden die Informationen an den Thalamus weitergeleitet.
Thalamus und Großhirn
Vom Thalamus werden die Informationen an das Großhirn weitergeleitet und verarbeitet.
Was ist Tinnitus?
Objektiver Tinnitus
Objektiver Tinnitus ist ein Geräusch, dessen Schallquelle außerhalb des Hörsystems liegt. Dazu gehört das Rauschen oder Pulsieren von Arterien, Geräusche des Kiefers etc. Er ist eher selten [1].
Subjektiver Tinnitus
Subjektiver Tinnitus kann viele Gründe haben. Eingeteilt wird in akuten, subakuten und chronischen Tinnitus: akut 2–3 Wochen, subakut 1–3 Monate, chronisch ab ca. 4 Monaten.
Ein häufiger Grund ist Lärmbelastung. Bei einer stärkeren Lärmbelastung legen sich die Haarzellen ab und können Schall nicht mehr richtig aufnehmen — das kann zu einer partiellen Taubheit führen. Die Härchen stellen sich nach etwas Zeit wieder auf, aber die Synapse, also die Verbindung zwischen Nervenzelle und Haarzelle, kann kaputtgehen. Es gibt Annahmen, dass der Verlust dieser Funktion zu einer Taubheit im betroffenen Frequenzbereich und einer gleichzeitigen Tinnitus-Entstehung im selben Frequenzbereich führt. Eine Annahme ist, dass diese geschädigten Synapsen ein Dauersignal senden und es dadurch zu einem erhöhten Informationsfluss im dorsalen Cochlea-Kern kommt [2]. Bei chronischem Tinnitus durch Lärmbelastung ist die Behandlungschance nicht ganz so gut — hier geht es darum, mit dem Tinnitus umzugehen.
Sensomotorischer Tinnitus
Hier ist das Hirnstammirritations-Syndrom wichtig zu verstehen [3]. Der Hirnstamm ist der älteste Teil des Gehirns; hier kommen alle Sinnesnerven zusammen, die zum Überleben wichtig sind — zwölf Hirnnerven gehören dazu, auch der Nervenkern des N. vestibulocochlearis. Nachgewiesen wurden neuronale Verbindungen des dorsalen Nervenkerns mit dem Trigeminusnerv, den Nerven C1–C3, dem Trapezmuskel, dem Splenius capitis, der Gesichtsmuskulatur und dem Kiefergelenk [2] [4] [5].
Es wird davon ausgegangen, dass eine Überlastung dieser Strukturen (Nacken-, Gesichts- und Kieferverspannungen) den dorsalen Cochlea-Kern überlasten und so einen subjektiven sensomotorischen Tinnitus provozieren kann, der seine Ursache nicht in der Lärmbelastung hat [4] [6]. Hier lohnt es sich, im akuten Status früh etwas zu machen, da diese Ursachen manualtherapeutisch gut gelöst werden können [1] [7] [8] [9].
Interdisziplinäre Behandlung
Tinnitus-Handicap-Index Selbsttest
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| Punkte | Grad | Belastung |
|---|---|---|
| 0–16 | 1 | keine oder geringe |
| 18–36 | 2 | leichte |
| 38–56 | 3 | mittlere |
| 58–76 | 4 | schwere |
| 78–100 | 5 | sehr schwere |
Der Selbsttest dient der eigenen Einschätzung der Belastung und ersetzt keine ärztliche Diagnostik.
Tinnitus und Osteopathie
Tinnitus beschreibt die Wahrnehmung von Geräuschen ohne externe Schallquelle [10]. Häufige Ursachen sind neurologische Prozesse, muskuläre Spannungen oder Stress [2].
Studien zeigen, dass insbesondere somatosensorische Einflüsse wie Kiefer- oder Nackenprobleme eine Rolle spielen können [6] [8] [10].
Quellen
- [1] Fobbe A, Bökel A, Lesinski-Schiedat A, Gutenbrunner C, Sturm C. Pilotstudie: manualmedizinische Methodenevaluation zur Modulierbarkeit des Leitsymptoms Tinnitus. HNO. 2022;70:675–684. doi.org/10.1007/s00106-022-01198-2
- [2] Shore SE, Roberts LE, Langguth B. Maladaptive plasticity in tinnitus — triggers, mechanisms and treatment. Nature Reviews Neurology. 2016;12:150–160. doi.org/10.1038/nrneurol.2016.12
- [3] von Heymann W, Köneke C. Tinnitus bei „Hirnstamm-Irritations-Syndrom". Manuelle Medizin. 2009;47:239–246. doi.org/10.1007/s00337-009-0696-8
- [4] Biesinger E, Reißhauer A, Mazurek B. Die Rolle der Halswirbelsäule und des Kiefergelenks bei Tinnitus. HNO. 2008;56:673–677. doi.org/10.1007/s00106-008-1721-2
- [5] Hölzl M, Behrmann R, Biesinger E, von Heymann W, Hülse R, Goessler UR, Arens C. Selected ENT symptoms in functional disorders of the upper cervical spine and temporomandibular joints. HNO. 2019. doi.org/10.1007/s00106-019-0610-1
- [6] Biesinger E, Groth A, Höing R, Hölzl M. Somatosensorischer Tinnitus. HNO. 2015;63:266–271. doi.org/10.1007/s00106-014-2971-9
- [7] Delgado de la Serna P, Plaza-Manzano G, Cleland J, Fernández-de-las-Peñas C, Martín-Casas P, Díaz-Arribas MJ. Effects of Cervico-Mandibular Manual Therapy in Patients with Temporomandibular Pain Disorders and Associated Somatic Tinnitus: A Randomized Clinical Trial. Pain Medicine. 2020. doi.org/10.1093/pm/pnz278
- [8] Michiels S, Naessens S, Van de Heyning P, Braem M, Visscher CM, Gilles A, De Hertogh W. The Effect of Physical Therapy Treatment in Patients with Subjective Tinnitus: A Systematic Review. Frontiers in Neuroscience. 2016;10:545. doi.org/10.3389/fnins.2016.00545
- [9] Cherian K, Cherian N, Cook C, Kaltenbach JA. Improving Tinnitus with Mechanical Treatment of the Cervical Spine and Jaw. Journal of the American Academy of Audiology. 2013;24:544–555. doi.org/10.3766/jaaa.24.7.3
- [10] Sanchez TG, Rocha CB. Diagnosis and management of somatosensory tinnitus: review article. Clinics. 2011;66(6):1089–1094. doi.org/10.1590/S1807-59322011000600028